Nachrichtenagentur ddp am 25. april 2003

Angeklagter im Mordfall Julia ist voll schuldfähig

Gießen (ddp). Im Prozess um den Mord an der kleinen Julia aus dem hessischen Biebertal ist am Freitag am Gießener Landgericht die Beweisaufnahme geschlossen worden. Der psychiatrische Gutachter Willi Schumacher hatte den Angeklagten Thorsten V. zuvor für voll schuldfähig erklärt. Der 35-Jährige soll die achtjährige Julia im Juni 2001 aus sexuellen Gründen verschleppt und ermordet haben. Am nächsten Dienstag will die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer vortragen.

V. weise weder eine „seelische Abartigkeit“ auf noch könne sein Alkoholkonsum am Tattag Auswirkungen auf dessen Steuerungsfähigkeit gehabt haben, sagte Schumacher. Auch pädophile Neigungen habe er bei dem Angeklagten nicht feststellen können. Das von Ex-Freundinnen geschilderte Sexualverhalten des Verwaltungsangestellten zeige keine „Abnormitäten“. Der Gutachter musste den 35-Jährigen auf der Grundlage von Zeugenaussagen beurteilen, eine psychiatrische Untersuchung hatte V. verweigert.

Julia war am 29. Juni 2001 vom Spielen nicht mehr nach Hause gekommen. Ihre verkohlte Leiche fanden Feuerwehrleute fünf Tage später in einem brennenden Holzstapel rund 50 Kilometer vom Heimatort des Mädchens entfernt. Das Gericht muss sein Urteil auf der Grundlage von Indizien fällen: So wurden Gummihandschuhe mit Genspuren von Thorsten V. in der Nähe des Leichenfundortes entdeckt. Wenige Kilometer entfernt geriet sein Wagen in eine Radarfalle. An einem Teppich in V.s Keller fanden Ermittler zudem Blutspuren des Kindes.

Der Angeklagte hat bis zuletzt zu der Tat geschwiegen. In einer Erklärung zu Beginn des Prozesses wies V. den Anklagevorwurf der Staatsanwaltschaft zurück. Wegen der schweren Verletzungen, die er sich bei einem Brand in seinem Keller zuzog, muss V. dem Verfahren liegend in einem Spezialrollstuhl folgen.

Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung

top