Nachrichtenagentur ddp am 6. november 2001

Prozess im Mordfall Julia hat begonnen

Angeklagter weist Vorwürfe zurück

Gießen (ddp-hes). Der mutmaßliche Mörder der kleinen Julia hat zum Auftakt seines Prozesses am Gießener Landgericht die Tatvorwürfe bestritten. Weitere Erklärungen zur Tat oder zu seiner Person wolle er vorerst nicht abgeben, ließ der Angeklagte über seinen Verteidiger Ramazan Schmidt mitteilen. Der 34 Jahre alte Thorsten V. soll die Achtjährige aus dem mittelhessischen Biebertal am 29. Juni vergangenen Jahres verschleppt und getötet haben. Feuerwehrleute fanden Julias Leiche fünf Tage später in einem brennenden Holzstapel 50 Kilometer entfernt bei Niddatal in der Wetterau. Die Anklage lautet auf Mord, versuchten sexuellen Missbrauch und schwere Brandstiftung.

„Wir werden sehen, wie stichhaltig und fundiert die Beweise sind“, sagte Schmidt. Den Vorwurf des versuchten sexuellen Missbrauchs bezeichnete der Verteidiger als „spekulativ“, es gebe dafür keine Grundlage. Schmidt kritisierte, dass die Hauptverhandlung trotz des schlechten gesundheitlichen Zustands seines Mandanten eröffnet worden sei. Er bezeichnete dies als einen in Deutschland einmaligen Vorgang. Der 34-Jährige hatte sich bei einer Benzinexplosion in seinem Haus lebensgefährliche Verbrennungen zugezogen und kann dem Verfahren nur in einem Spezialrollstuhl folgen.

Der Anwalt der als Nebenklägerin zugelassenen Mutter Julias, Dietmar Kleiner, befürwortete dagegen ein zügiges Verfahren. Es sei im Interesse der Eltern, dass der Prozess möglichst schnell zu Ende geht, damit sie in Ruhe um ihre Tochter trauern könnten. Nicht zuletzt habe auch der Angeklagte das Recht auf ein schnelles Verfahren, sagte Kleiner. In der nächsten Verhandlungssitzung am kommenden Mittwoch sollen vier Nachbarn als Zeugen aussagen, die die Achtjährige vor ihrem Verschwinden zuletzt gesehen hatten.

Die lebensgefährlichen Verletzungen hatte sich V. im Keller seines Hauses bei einer selbst verursachten Benzinexplosion zugezogen. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Familienvater mit einem Feuer Beweise vernichten wollte. Das Foto einer Radarfalle in der Nähe des Leichenfundortes hatte die Fahnder zu diesem Zeitpunkt bereits auf den Nachbarn Julias aufmerksam gemacht. Später wiesen Experten des hessischen Landeskriminalamtes an einem verkohlten Teppichrest aus dem ausgebrannten Kellerraum Blutspuren der Schülerin nach.

Bei dem Brand büßte der Angeklagte 80 Prozent seiner Haut ein. Nur die Behandlung in einer Kölner Spezialklinik rettete V. das Leben. Einem medizinischen Gutachten zufolge kann der Verwaltungsangestellte aufgrund seines gesundheitlichen Zustands dem Verfahren nicht länger als drei Stunden täglich liegend in einem Spezialrollstuhl folgen. Der Prozess wird voraussichtlich bis August kommenden Jahres dauern.

Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung

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