Nachrichtenagentur ddp am 5. Juli 2001
„Hier habe ich kein gutes Gefühl mehr“
Nach der Bestätigung von Julias Tod herrschen im mittelhessischen Biebertal Angst und Trauer
Biebertal (ddp). Vor der evangelischen Kirche in Julias Heimatgemeinde Rodheim-Bieber geben sich am Donnerstagnachmittag die Fernsehteams die Klinke in die Hand. Gekleidet mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte spricht Pfarrer Günter Schäfer geduldig das ins Mikrofon, was selbstverständlich erscheint: „Die Stimmung ist gedrückt, die Menschen haben Angst um ihre Kinder.“ Im Dorf herrsche eine Mischung aus Furcht, Hilflosigkeit und „unendlicher Trauer“, sagt er.
Als am Donnerstag Vertreter von Polizei und Staatsanwaltschaft in Gießen vor die Presse traten, ahnten die meisten Medienvertreter, was sie von ihnen zu hören bekommen würden. Zwei Genanalysen haben bestätigt, dass die bei Niddatal gefundenen verkohlten Leichenreste die sterblichen Überreste der seit Freitagabend vermissten achtjährigen Julia aus dem mittelhessischen Biebertal sind.
Der Einsatz Hunderter Polizisten, Feuerwehrleute und freiwilliger Helfer, einer Reiterstaffeln der Polizei und eines Hubschraubers mit Wärmebildkamera hat das Leben des Kindes nicht retten können. Der Täter hat sein hilfloses Opfer einfach erschlagen, bevor er es auf den vermutliche mit Benzin getränkten Scheiterhaufen legte.
Dennoch mahnt Pfarrer Schäfer mit leiser aber nachdrücklicher Stimme zur Besonnenheit: Man solle die Arbeit der Polizei abwarten, nicht über den Tatverdächtigen spekulieren. Die Gießener Staatsanwaltschaft verhörte am Donnerstag einen Mann, dessen Beziehungen zu Julias Wohnort und zum Fundort der Leiche laut Oberstaatsanwalt Hübner „einen gewissen Tatverdacht“ zulasse.
Andere Bewohner von Rodheim-Bieber halten nicht so viel von Besonnenheit: Während Luis, eineinhalb Jahre alt, unbeschwert mit seinem Teddy spielt, spricht seine 28-jährige Mutter auf der Terrasse eines schmucken Mehrfamilienneubaus vom Wegziehen. „Mein Mann hält das für verrückt“, sagt sie. Doch hier in Biebertal habe sie kein gutes Gefühl mehr. Auch wenn der Verstand ihr sage, dass es woanders für ihren Sohn auch nicht sicherer sein wird.
Für einige Beamte in der Sonderkommission „Julia“ ist es das zweite Mädchen, dessen Mörder sie noch zu finden haben. Sie sind ebenfalls Mitglieder in der SoKo „Johanna“. Spaziergänger fanden die Leichenreste der achtjährigen Johanna aus dem mittelhessischen Ranstadt-Bobenhausen sieben Monate, nachdem sie Anfang September 1999 verschwunden war, bei Alsfeld in der Nähe der Autobahn Frankfurt-Kassel. Vom Täter fehlt bislang jede Spur. Johanna und Julia sehen sich ähnlich, haben beide blonde Haare und hatten zum Tatzeitpunkt das gleiche Alter. Auf weitergehende Zusammenhänge zwischen den beiden Fällen gebe es keinen Hinweis, sagt die Staatsanwaltschaft.
Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung
Inhalt
Juli 2001
„Hier habe ich kein gutes Gefühl mehr“
„Julia hätte gewiss nicht gewollt, dass Kinder nicht mehr spielen“
August 2001
Eine bandagierte Schaufensterpuppe spielt den Kindermörder
"Dringender Tatverdacht" gegen 33-Jährigen
Die Tischgespräche drehen sich längst um andere Dinge
November 2002
Prozess im Mordfall Julia hat begonnen
Januar 2003
Februar 2003
"Ich konnte nicht widerstehen"
April 2003
Angeklagter im Mordfall Julia ist voll schuldfähig
„Keine vernünftigen Zweifel an Täterschaft“
Mai 2003
Verteidiger im Mordfall Julia fordert Freispruch
„Weggeworfen wie ein fauler Apfel“
