Nachrichtenagentur ddp am 11. Juli 2001

„Julia hätte gewiss nicht gewollt, dass Kinder nicht mehr spielen“

In Biebertal ist am Mittwoch die ermordete Achtjährige beigesetzt worden

Biebertal (ddp). Julias letzte Ruhestätte liegt auf einem Hügel. Etwas abseits von den übrigen Gräbern auf dem Friedhof in Rodheim-Bieber haben am Mittwoch die Totengräber die Grube für das Mädchen vorbereitet – mit Blick auf das Dorf, in dem die Kleine vor eineinhalb Wochen entführt wurde. Sie durfte nicht älter werden als acht Jahre, weil ein vermutlich geistig gestörter Täter es so wollte. Vor dem Grab liegt in einem Kranz mit gelben und roten Rosen ein Micky-Maus-Heft. Ein orangenes Windrad dreht sich daneben in der mittäglichen Brise. In und vor der kleinen evangelischen Dorfkirche einige Meter entfernt warten Hunderte von Menschen, um etwas zu tun, was den Meisten schwer fällt: um Abschied von einem Kind nehmen.

Auch einige Dutzend Medienvertreter sind gekommen. Für sie hat die Polizei in respektvollem Abstand zum Grab ein Areal mit rot-weißem Plastikband eingerichtet. Eine dreiviertel Stunde vor Beginn der Trauerfeier um 14 Uhr haben die Kameraleute und Fotografen Gelegenheit, das leere Grab mit ihren Linsen einzufangen. Polizeisprecher Kurt Meier betreut sie dabei routiniert. Die Theorie vom zufälligen Unfall an der Fußgängerampel sei vom Tisch, antwortet er auf die Frage einer Journalistin: „Man muss davon ausgehen, dass das irgend ein krankes Hirn war.“

Während drinnen die Orgel spielt, wird die Stille vor der Kirche nur durch das Schreien eines Raben gebrochen. „Es ist so schwer, es zu verstehen, dass wir Dich nicht mehr wiedersehen“, haben Julias Eltern über die Todesanzeige in der Tageszeitung drucken lassen. Auch in Pfarrer Günter Schäfers Trauerrede, die per Lautsprecher nach draußen übertragen wird, ist von der Schwere des Abschieds die Rede: „Aus eurem Herzen, da kann sie niemand reißen.“ „Gott hilf mir, wie soll ich meine Not beschreiben, was mir lieb war, wo finde ich es“, zitiert Pfarrvikarin Gabriele Zander aus Psalm 69. Doch: „Julia hätte gewiss nicht gewollt, dass Kinder nicht mehr lachen, nicht mehr spielen“, mahnt Schäfer. Nach der Anspreche spielt der Organist ein Lied von Eric Clapton: „Would you call my name, if I saw you in Heaven.“

Polizei und Staat sind an diesem Tag ebenfalls mit ihren Repräsentanten vertreten: Gemeinsam tragen der hessische Innenminister Volker Bouffier und der Präsident des Gießener Polizeipräsidiums, Manfred Meise, einen Kranz zum Sarg. Zur anwesenden Kirchenprominenz zählen Peter Steinacker, der Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, und der zuständige Propst für Nord-Nassau, Michael Karg.

Gegen 14.30 nimmt der Trauerzug schließlich den Weg zum Grab. An der Spitze wird Julias weißer Sarg, bedeckt mit einem Gesteck aus roten Blumen, getragen. Direkt dahinter gehen ihre Eltern Jürgen und Simone. Ein kleiner Junge der unmittelbar hinter dem Sarg läuft, offenbar ein Freund Julias, muss gestützt werden. Sein Gesicht ist tränenüberströmt. Obwohl die Evangelische Kirche in einer Pressemitteilung darum gebeten hat, während der Beerdigung keine Bilder zu machen, klicken die Kameras der mit Teleobjektiven ausgestatteten Bildjournalisten unaufhörlich. Hinter dem Grab steht eine weiße Plastikbank. Sie ist für Julias Eltern gedacht.

Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung

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