Nachrichtenagentur ddp am 4. Juli 2001
Kinderzeichnungen im Wind
NAch dem Verschwinden der kleinen Julia: Hoffnung und Bangen in Biebertal
Biebertal (ddp). Durch die Kastanienbäume vor der Kirche in Rodheim-Bieber bläst der Wind eine seichte Brise. Es ist, als ob dieser sonnige Mittwochnachmittag in der Biebertaler Gemeinde ein Julitag wie jeder andere wäre. Doch an die blätterige Rinde der Bäume haben Kinder Zeichnungen mit einer besonderen Botschaft gehängt: „Bitte komm’ zurück Julia“, ist dort zu lesen. Darüber fliegen bunte in Wachs gezeichnete Luftballons. „Liebe Julia, das Bild male ich nur für Dich, weil wir Dich sehr vermissen“, steht woanders über eine farbenfroh gezeichneten Blumenlandschaft.
Jungen und Mädchen, die unbeschwert über Wiesen laufen, sind in der mittelhessischen 5000-Einwohner-Gemeinde an diesem Tag nirgends zu sehen: Nachdem auch am sechsten Tag die achtjährige Julia spurlos verschwunden bleibt und 50 Kilometer südliche bei Niddatal die verkohlte Leiche eines Mädchens gefunden wurde, herrschen im Dorf Angst und Fassungslosigkeit.
In der Nähe einer der ausgestorbenen Kinderspielplätze in Rodheim-Bieber spricht eine ältere Frau über das, was in den Köpfen der meisten Menschen hier zurzeit vorgeht. An der einen Hand hält sie ihre dreijährige Enkelin, in der anderen eine Puppe. „Abends vor dem Einschlafen und morgens nach dem Aufwachen“ gelte ihr erster Gedanke Julia und deren Eltern, die sie wie viele im Dorf persönlich kennt. „Die Ungewissheit ist das schlimmste“, sagt sie. Neben ihr steht auch ihr siebenjährigen Enkel mit Ringelshirt und Klapproller. Ob er auch Angst hat? Mit der Frage kann er nichts anfangen – er bleibt stumm. Was mit Julia passiert sein könnte, kann er sich wohl nicht einmal in seinen Träumen vorstellen.
Von Fassungslosigkeit über das Geschehen spricht auch eine junge Mutter, die mit ihrer siebenjährigen Tochter aus einer Bank kommt. Aber ihre Gedanken ebenfalls in eine andere Richtung: „Ich denke, man sollte nicht in Hysterie ausbrechen“, sagt sie. „Man sollte den Kindern die Unbeschwertheit belassen.“ Sie weiß, dass „so etwas“ überall passieren kann, wie sie sagt. Und dass es wieder passieren wird. Beruhigend sei für sie, dass „in einem solchen Fall alle Instanzen mobilisiert werden“. Über 1400 Polizisten, Feuerwehrleute und Freiwillige hatten am Wochenende die Landschaft rund um Rodheim-Bieber systematisch nach dem kleinen Mädchen abgesucht.
Am Mittwoch haben die Helferscharen Biebertal wieder verlassen. Ein Fernsehteam des Hessischen Rundfunks führt ein letztes Interview mit einer Ladenbesitzerin an der Hautpstraße. Julias Eltern fehlt weiter die letzte Gewissheit, was mit ihrer Tochter passiert ist – solange die Obduktion der gefundenen Mädchenleiche im nahegelegenen Gießen keine genaueren Erkenntnisse liefert. An der Kirchentür in Rodheim-Bieber hat Pfarrerin Gabriele Zander einen Zettel aufgehängt: Wie auch gestern und Vorgestern gibt es auch an diesem Abend wieder einen Fürbitte-Gottesdienst für Julia – und ihre Eltern.
Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung
Inhalt
Juli 2001
„Hier habe ich kein gutes Gefühl mehr“
„Julia hätte gewiss nicht gewollt, dass Kinder nicht mehr spielen“
August 2001
Eine bandagierte Schaufensterpuppe spielt den Kindermörder
"Dringender Tatverdacht" gegen 33-Jährigen
Die Tischgespräche drehen sich längst um andere Dinge
November 2002
Prozess im Mordfall Julia hat begonnen
Januar 2003
Februar 2003
"Ich konnte nicht widerstehen"
April 2003
Angeklagter im Mordfall Julia ist voll schuldfähig
„Keine vernünftigen Zweifel an Täterschaft“
Mai 2003
Verteidiger im Mordfall Julia fordert Freispruch
„Weggeworfen wie ein fauler Apfel“
