Nachrichtenagentur ddp am 4. februar 2003

"Ich konnte nicht widerstehen"

Im Prozess um den Mord an der kleinen Julia machte eine Amateur-Detektiv den entscheidenden Fund

Gießen (ddp-hes). Im Prozess um den Mord an der kleinen Julia aus dem hessischen Biebertal hat offenbar ein Hobbydetektiv den Anklägern die entscheidenden Indizien verschafft. Am 18. Verhandlungstag vor der Schwurgerichtskammer des Gießener Landgerichts berichtete am Dienstag ein 55 Jahre alter Kraftfahrer, wie er gezielt im Juli 2001 nach Spuren des Verbrechens gesucht hatte. Wenige Tage zuvor war der verbrannte Körper der Achtjährigen in einem Wald in der Nähe von Niddatal entdeckt worden. Zwei Gummihandschuhe, die der 55-Jährige einige hundert Meter entfernt in einem Strauch fand, konnten Ermittler nach einem Gen-Test dem Angeklagten Thorsten V. zuordnen.

Aus seiner kriminalistischen Passion machte Jürgen Allenstein im Saal 207 des Landgerichts keinen Hehl. Ausführlich erzählte er den Richtern von seinem Projekt mit Namen „Sonderbüro ‚Initative’“. „Private Erforschung von Kapitalverbrechen an Kindern und Frauen“ steht auf der Visitenkarte, die er nach seiner Zeugenaussage Journalisten zeigte. Sein Wissen habe er sich mit kriminalistischen Lehrbüchern angeeignet. Die zahlreichen Morde an Kindern hätten ihn zu dieser Freizeitbeschäftigung motiviert, sagte er. Als er im Juli 2001 vom Tod der achtjährigen Julia erfahren habe, sei er dann auch sofort nach Gießen gefahren, um auf eigene Faust nach dem Täter zu fahnden.

Am dritten Tag seiner Suche sei er schließlich fündig geworden, berichtete der Privat-Ermittler. Neben den Handschuhen entdeckte Allenstein auf dem Waldboden auch eine grüne Wasserpistole, wie sie Julia zuletzt bei sich gehabt haben soll. An Stofflappen, die ebenfalls zum Fund des 55-Jährigen gehörten, sammelten die Spezialisten später Fasern ein, die aus dem Haus des Angeklagten stammten. Die entdeckten Gegenstände habe er sofort zusammen mit einem „Fundbericht“ der Polizei übergeben, betonte der Kraftfahrer.

Um den Verfahrensbeteiligten genau darlegen zu könne, wie er die belastenden Indizien aufgespürt hat, übergab Allenstein dem Gericht eine Polaroid-Aufnahme: Er habe am Montag noch einmal seinen Entdeckung nachgestellt und fotografiert, erzählte er. Und: „Ich konnte nicht widerstehen“. Erneut habe er dort gegraben und Diverses gefunden. Die Ausbeute legte er dem Vorsitzenden Richter Bruno Demel in einer Plastiktüte auf den Tisch.

„Dem Herrn Allenstein gebührt großer Lob“, stellt Staatsanwalt Klaus Bender am Dienstag in einer Prozesspause fest. Verteidiger Ramazan Schmidt sah das skeptischer: „Warum haben Sie die Gegenstände vom Fundort entfernt und nicht die Polizei informiert?“, fragte er. Er könne doch nicht bei jedem Müllfund die Polizei rufen, lautete die Antwort.

Thorsten V., ein 35 Jahre alter Verwaltungsangestellter, wird beschuldigt, Julia aus sexuellen Motiven am 29. Juni 2001 verschleppt und getötet zu haben. Er wird ausschließlich durch Indizien belastet: Neben den Gummihandschuhe sind das vor allem die Aufnahme einer Radarfalle in der Nähe des Leichenfundortes und Blutspuren an einem Teppich aus dem Keller des Angeklagten. Offenbar bei dem Versuch, das Beweisstück in seinem Keller zu verbrennen, zog sich der 35-Jährige lebensgefährliche Verletzungen zu. Er kann dem Verfahren daher nur liegend in einem Spezialrollstuhl folgen. Die Verhandlung wird am Freitag fortgesetzt. Der Prozess soll noch bis August dauern.

Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung

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