Nachrichtenagentur ddp am 20. august 2001

Die Tischgespräche drehen sich längst um andere Dinge

In Julias Heimatort ist man von den Neuigkeiten der Polizei nicht überrascht

Biebertal (ddp-swe). Die meisten Einwohner im mittelhessischen Rodheim-Bieber bekamen heute lediglich bestätigt, was vielen schon vorher klar war: Ein 33-jähriger Nachbar, selbst Ehemann und Vater, ist nun auch offiziell „dringend tatverdächtig“, die achtjährige Julia vor anderthalb Monaten getötet zu haben. Zweifel an der Täterschaft des Verwaltungsangestellten äußert im Dorf kaum noch jemand: „War ja klar, dass der es war“, heißt es auf den Straßen der 5000-Seelen-Gemeinde. Die Tischgespräche im Café wenige hundert Meter vom mutmaßlichen Tatort entfernt drehen sich am Montag längst um andere Dinge.

Nach sieben Wochen Ermittlungsarbeit nimmt der größte Teil der Einwohnerschaft die Neuigkeit, die für viele nach den Medienberichten der vergangenen Tage keine ist, mit Gelassenheit zur Kenntnis. Von Emotionen wie Wut oder Erleichterung gibt es kaum eine Spur: „Falls der überlebt, wird er im Gefängnis keine Freude haben. Kinderschänder sind da ja gleich unten durch“, sagt ein Passant mit lakonischem Schulterzucken. Es mag mit der Tatsache zusammenhängen, dass sich der Familienvater durch die vermutlich selbst herbeigeführte Explosion in seinem Keller quasi selbst gerichtet hat: Forderungen nach härterer Strafe, wie sie selbst in der Politik vor einigen Wochen Mode waren, sind nicht zu hören.

„Verbrechen hat es zu jeder Zeit gegeben“: Der Gießener Oberstaatsanwalt Volker Kramer wählte große Worte als Einleitung, bevor er am Montagvormittag im Gießener Polizeipräsidium Bilanz zog. Nachdem er den „überaus aufwendigen persönlichen Einsatz“ der beteiligten Beamten würdigte, kam er an der Medienschelte nicht vorbei: „Der Druck von außen“ sei nicht immer hilfreich gewesen. Und auch Gießens Polizeipräsident Manfred Meise stimmte ein: „Wir hätten uns mehr Verständnis gewünscht.“

Dabei mussten sich die Behörden auf der gemeinsamen Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft selbst kritische Fragen gefallen lassen: Warum man nicht sofort die Wohnung des 33-Jährigen durchsucht habe, als die belastenden Fotos der Radarfalle in der Nähe des Leichenfundortes vorlagen – noch bevor die verheerende Explosion den Verdächtigen vielleicht für immer zum Schweigen brachte? Der Beschluss sei bereits vorbereitet gewesen, antwortete Reinhard Hübner, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Man habe weitere Ermittlungen abwarten wollen.

Hübner bestritt den Vorwurf, dass der 33-jährige von der Durchsuchung Wind bekommen haben könnte, und deshalb versucht hat, auf riskante Weise in seinem Keller Beweise zu vernichten. Dass der mutmaßliche Täter eher in Panik als mit kühler Berechnung vorgegangen sein dürfte, scheinen die Spuren zu belegen: Weil er sie in der Nähe zum Leichenfundort zurückließ, erweisen sich die Latexhandschuhe, die wohl zur Spurenvermeidung getragen wurden, nun als schwerwiegendes Indiz gegen den Biebertaler.

Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung

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