Nachrichtenagentur ddp am 20. August 2001

Mordfall Julia: "Dringender Tatverdacht" gegen 33-Jährigen

Rechtsanwalt der Ehefrau gibt Erklärung ab

Gießen (ddp-swe). Der Mordfall Julia ist offenbar geklärt. Die Staatsanwaltschaft Gießen hege einen „dringenden Tatverdacht“ gegen einen 33-jährigen Mann, der in der Nähe des Tatorts wohnt, teilte der Leitende Oberstaatsanwalt Volker Kramer am Montag mit. Der Mann war bei einer Explosion in seinem Haus lebensgefährlich verletzt worden und liegt seitdem mit schweren Verbrennungen im Koma. Weil keine Fluchtgefahr bestehe, sei kein Haftbefehl erlassen worden, sagte Oberstaatsanwalt Reinhard Hübner.

Die achtjährige Julia war am 29. Juni aus dem mittelhessischen Biebertal verschwunden. Die Leiche des Mädchens wurde am 3. Juli nachts in einem brennenden Holzstapel im rund 50 Kilometer entfernten Niddatal gefunden. Gestorben war Julia nach Polizeiangaben bereits am Tag ihres Verschwindens an schweren Kopfverletzungen.

Der Gießener Rechtsanwalt der Ehefrau des Verdächtigen, Jan Schepers, sagte am Montag, die Ermittlungsergebnisse erschienen „erdrückend“. In der Sache wollte er keine weiteren Erklärungen abgeben. Er warnte die Medien davor, die Persönlichkeitsrechte seiner Mandantin zu verletzten. „Wenn ich merke, dass die Presse zu weit geht, werde ich dagegen vorgehen“, sagte Schepers. Zeitungen, die unerlaubt Bilder der Frau abdruckt hätten, seien abgemahnt worden.

Die Staatsanwaltschaft in Gießen stützt sich auf zahlreiche Indizien. So seien am Fundort der Leiche Latexhandschuhe gefunden worden, die der Beschuldigte mit sehr großer Wahrscheinlichkeit getragen habe. Dies hätten molekulargenetische Untersuchungen ergeben. Zudem stammten Stofffetzen und Faserspuren, die ebenfalls in der Nähe des Leichenfundortes entdeckt wurden, von dem Mann. Im Keller des Hauses des 33-Jährigen hätten zudem zwei Leichenspürhunde angeschlagen, sagte Hübner.

Der Oberstaatsanwalt verwies außerdem auf die widersprüchlichen Angaben, die der Mann gemacht hatte, als er noch vor der Explosion vernommen worden war. Dabei ging es darum, wo er sich aufgehalten hat, als das Kind verschwand und die Leiche verbrannt wurde. Das Bild einer Radarfalle in der Nähe des Fundortes der Leiche und die Aussagen der Frau des Beschuldigten sprechen offenbar gegen ihn.

Hinweise auf eine Verbindung zu anderen Vermisstenfälle bestünden derzeit nicht, fügte Hübner hinzu. Er bezog sich auf den Mord an der achtjährigen Johanna. Sie war vor zwei Jahren im hessischen Ranstadt verschwunden, das etwa 20 Kilometer vom Fundort von Julias Leiche entfernt ist. Erst sieben Monate später wurde das Mädchen in einem Wald tot aufgefunden.

Auf den 33-Jährigen war die Polizei aufmerksam geworden, nachdem er im fraglichen Zeitraum in der Nähe von Julias Leichenfundort mit seinem anthrazitfarbenen VW Passat Kombi von einer Radarfalle fotografiert worden war. Während die Polizei auf gerichtliche Beschlüsse für eine Hausdurchsuchung wartete, war es im Keller des Mannes zu der Explosion gekommen.

Über die genaue Ursache des Brandes gebe es „keine gesicherten Erkenntnisse“, sagte Polizeisprecher Kurt Meier. Durch „erhebliche Mengen“ verschütteten Benzins sei ein hochexplosives Benzin-Luft-Gemisch entstanden, das sich entzündet hätte, sagte der Leiter der Sonderkommission „Julia“, Michael Pfendesack. Dass sich der Familienvater möglicherweise umbringen oder Beweise vernichten wollte, konnte er nicht bestätigen.

Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung

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