Nachrichtenagentur ddp am 6. november 2001

Mantel des Schweigens

Der Auftakt des Prozesses gegen den mutmaßlichen Mörder der kleinen Julia weckt Emotionen

Gießen (ddp-hes). Das Verlangen, dem mutmaßlich „Bösen“ einmal ins Gesicht zu schauen, ist groß: Längst ist das rotweiße Absperrband im Saal 207 des Gießener Landgerichts zu Boden gerissen, die Kameralinsen rücken bis auf wenige Zentimeter an das verbrannte Gesicht des Angeklagten im Rollstuhl heran. Thorsten V. hat sich die Kapuze seines Sweatshirts tief in das Gesicht gezogen, wo eine dunkle Sonnenbrille seine Augen verbirgt. Den übrigen Besuchern im Saal hat er den Rücken zugewandt. Doch eine Viertelstunde ist der Mann, der vor über 16 Monaten die achtjährige Julia aus Biebertal ermordet haben soll, schonungslos den Augen der Medienöffentlichkeit ausgesetzt. Das Gericht wird deutlich länger brauchen, um sich ein Bild zu machen.

Das an diesem Mittwoch beginnende Verfahren ist emotionsgeladen wie sonst kaum ein Strafprozess in der mittelhessischen 75.000-Einwohner-Stadt. Biebertal, wo das Entsetzen über den gewaltsamen Tod Julias auch nach über einem Jahr kaum verblasst ist, liegt nur wenige Kilometer entfernt. Bereits zwei Stunden vor Beginn stehen die ersten Menschen bei eisigen Temperaturen vor dem Gerichtsgebäude an, um eine der wenigen Besucherkarten zu bekommen. Es kommt sogar zu Rangeleien. Als V. schließlich nach der Verlesung der Anklageschrift seinen Verteidiger Ramazan Schmidt erklären lässt, er habe das Mädchen nicht missbraucht und getötet, geht ein Raunen durch den Saal. Ein Mann ruft laut „Mörder“, wiederholt es später noch einmal: „Kindermörder“.

Der 34 Jahre alte Familienvater, dessen entstelltes Gesicht ein Fernsehteam des Hessischen Rundfunks im Zentralkrankenhaus der Justizvollzugsanstalt in Kassel vor wenigen Tagen erstmals filmen durfte, hüllt sich selbst wie schon in den Monaten zuvor in einen Mantel aus Schweigen. „Möchten Sie Angaben zu ihren persönlichen Verhältnissen machen?“, fragt Bruno Demel, der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer. Wortlos schüttelt der Angeklagte den Kopf. Nach wenigen Minuten ist der Prozessauftakt vorbei. Erst am kommenden Mittwoch sollen vier Nachbarn als Zeugen aussagen, die Julia als Letzte gesehen haben.

Um zu beweisen, dass der Angeklagte Julia getötet hat, stehen der Staatsanwaltschaft lediglich Indizien zur Verfügung: Spuren des 34-Jährigen in der Nähe des Leichenfundorts, Julias Blut an einem Teppich, das Foto einer Radarfalle. Für den sexuellen Missbrauch konnten die Ermittler an der verkohlten Mädchenleiche, die sie in einem brennenden Holzstapel fanden, überhaupt keine Beweise entdecken. Angeklagt ist daher nur der Versuch. Diese Taktik der Staatsanwaltschaft habe einen „spekulativen Charakter“, kritisiert Verteidiger Schmidt. Dabei geht es um einen neuralgischen Punkt: Wird V. ein sexuelles Motiv für den Mord nachgewiesen, droht ihm die Sicherungsverwahrung – und das möglicherweise für den Rest seines Lebens.

Dass er sich mit diesem Mandat Feinde macht, scheint Schmidt, ein in der Universitätsstadt Gießen sozialisierter und beliebter Strafrechtsexperte, kaum zu überraschen. Er sei bedroht und beschimpft worden, am Telefon und in Briefen, sagt er lapidar nach der kurzen Auftaktsitzung den Journalisten. Glaubt er an die Unschuld des Angeklagten? „Die Frage ist eigentlich nicht zu verantworten“, erwidert der Verteidiger. „Ich gehe meinen beruflichen Verpflichtungen nach.“ Was er privat denke, sei unerheblich, fügt er hinzu. Von seiner Familie werde der Angeklagte allerdings „voll unterstützt“. Allerdings hat sich die Ehefrau des Verwaltungsangestellten den Worten Schmidts zufolge bereits einen eigenen Anwalt genommen.

Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung

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