Nachrichtenagentur ddp am 7. august 2001

Eine bandagierte Schaufensterpuppe spielt den Kindermörder

Die  nachgestellte Verbrennung von Julias Leiche soll den Täter entlarven

Niddatal (ddp). Eine bizarre Szene tut sich auf, am Dienstagabend in einem Waldstück zwischen den mittelhessischen Dörfern Ilbenstadt und Kaichen: Vor einem typischen Stapel mit Holzscheiten, wie er in deutschen Forsten überall zu finden ist, steht eine Schaufensterpuppe mit bandagiertem Kopf und Händen, einen grünen Strick um den Hals. Um den Plastikmenschen herum haben sich Dutzende Journalisten und Kameraleute versammelt. Ihre Mikrofone und Linsen richten sich abwechselnd auf die Puppe und die Polizeivertreter, die geduldig erklären, für was das alles gut sein soll: Mit Hilfe des Dummiys wollen sie nachstellen, wie der Mörder der kleinen Julia Hose sich seines Opfers, das er wenige Tage zuvor von einem Spielplatz in Biebertal entführt hatte, entledigen wollte.

Um die Versuchanordnung herum liegen noch die angekokelten Holzreste, unter denen man am 4. Juli die verkohlte Leiche der Achtjährigen fand. Unter den Füssen der Zuschauer knacken die zahlreichen herumliegenden Äste. Ein Brandexperte des hessischen Landeskriminalamtes, gekleidet in einem orangefarbenen Overall, wirft schließlich einen brennenden Stoffballen auf das mit Benzin getränkte Holz, um das Experiment in Gang zu setzen. Sofort geht der Stapel mit einem lauten „Puff“ in Flammen auf; die Polizisten ziehen den Dummy fast gleichzeitig mit der grünen Schnur weg.

„Die Mullbinden an Kopf und Händen der Puppe sollen die Haut des Täters simulieren“, sagt Polizei-Pressesprecher Willi Schwarz. An ihrem Zustand will man messen, welche Verletzungen der Mörder möglicherweise davongetragen hat, als er den Scheiterhaufen mit Julias Leiche darin in Brand steckte. Nun liegt das Täter-Double auf dem Rücken, die Fernsehleute halten ihm ihre Kameras vor den Kopf, an dessen Hals immer noch das grüne Seil hängt. Bräunlich angesengt erscheinen nur die Ränder der Handbandagen, die die Testpuppe trägt.

Gelassen beobachten die Feuerwehrleute, wie sich Feuer und Brandgeruch an den Holzscheiten ausbreiten. Obendrauf liegt ein blauer Plastikkanister. Der Stapel soll niederbrennen, damit die Polizei weiß, wie lange der andere Haufen vor einem Monat ungefähr in Flammen gestanden haben mag. Ob die Aktion die Ermittlungsarbeit weiter bringen wird, weiß auch der Gießener Polizeivizepräsident Karl-Heinz Reinstädt nicht, der wenige Meter weiter bereitwillig Interviews gibt: Ob sich der Mörder tatsächlich verletzt hat, „müssen wir offen lassen“, sagt er.

Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung

top