Deutscher Depeschendienst im April 2008
Ratlosigkeit der Wissenschaftler
Nach Aussaat-Stopp der Uni Gießen herrscht Ungewissheit über weitere Genpflanzen-Forschung
Gießen (ddp-hes). Die Zukunft fürs Gen-Geschäft in Hessen sieht trübe aus: Der Landtag mit seiner Mehrheit von SPD, Grüne und Linke will keinen Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen mehr. Die geschäftsführende CDU-Landesregierung bietet ein fünfjähriges Moratorium für Gensaaten „auf landeseigenen Flächen“. Nach Protesten verzichtet die Universität Gießen von sich aus auf die Aussaat von Gen-Mais auf ihren Versuchsfeldern. Wie es mit der Gensaat-Forschung weitergehen soll, ist unklar.
Der Gießener Uni-Präsident Stefan Hormuth, sonst eher als ruhiger und diplomatischer Mann bekannt, ist hörbar erregt: „Ich bin an einem Punkt, an dem ich mich Feldbesetzern beugen musste.“ Zuletzt hatten sich Protestler drei Wochen lang auf einem Versuchsacker für Gen-Gerste in Gießen niedergelassen, der allerdings dieses Jahr schon nicht mehr bestellt werden sollte. Zurückgelassen haben sie einen beschädigten Zaun und weitgehende Ratlosigkeit bei den Wissenschaftlern.
Bei dem Gersten-Versuch handelte es sich nach Angaben von Hormuth um ein Projekt zur Biosicherheits-Forschung – Teil eines Programms, das noch die rot-grüne Bundesregierung aufgelegt habe, unter Federführung des Ministeriums für Bildung und Forschung. Einer „Sicherheitsforschung verschließen wir uns nicht“, sagt auch die agrarpolitische Sprecherin der hessischen Grünen im Landtag, Ursula Hammann.
Das Gießener Gerstenfeld ordnet Hammann indes nicht diesem Zweck zu, „die Sorte wird hier nicht angebaut“, also sei es auch nicht nötig, ihre Sicherheit zu erforschen. Auch der Anbau von Gen-Mais auf den Feldern der Uni Gießen für die so genannte Sortenprüfung im Auftrag des Bundessortenamtes sei „keine Forschung, sondern eine Dienstleistung, für die die Universität Geld bekommt.“
Nach dem Willen des Landtags soll diese Praxis dauerhaft ein Ende finden: „Alle rechtlichen Möglichkeiten“ solle die Landesregierung nutzen, Hessen „gentechnikfrei“ zu halten, heißt es im Antrag. Gen-Anbau auf landeseigenen Flächen solle die Zustimmung verweigert werden. Die geschäftsführende CDU-Landesregierung, nicht zwingend gebunden an den Beschluss, schlägt ein fünfjähriges Moratorium vor, zumindest für Landes- Äcker. Für den CDU-Kompromiss hätte Uni-Präsident Hormuth Verständnis, „falls klar wäre, wofür er dienen soll.“
„Welche Fragen sollen geklärt werden, und auf welcher Entscheidungsgrundlage?“, fragt Hormuth. Ohne diese Voraussetzung hält er ein Moratorium lediglich für ein Mittel, „eine schwierige politische Situation auszusitzen“. Wäre im Übrigen lediglich Landesbesitz vom Verbot betroffen, gebe es für die Uni noch privat gepachtete Flächen, um Versuche fortzuführen. Eine Tatsache, auf die auch Hammann bewusst hinweist.
„Ein Verbot würde ein Risiko implizieren, das wissenschaftlich nicht nachweisbar ist“, sagt der Gießener Uni-Vizepräsident Karl-Heinz Kogel. Der promovierte Pflanzenphysiologe ist direkt betroffen, denn das von den Protestaktionen in Gießen betroffene Gersten-Experiment hat er selbst geleitet. Die Finanzierung weiterer Forschungsprojekte sei bereits vom Bund bewilligt. Sollte in den nächsten Jahren die Gensaat-Forschung aus Hessen verbannt werden, „wären wir davon sehr betroffen“, sagt Kogel.
Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung
