Deutscher Depeschendienst im August 2008

Hautnaher Kontakt zum „Großen Mausohr“

Im mittelhessischen Greifenstein kann man mit Fledermäusen auf Tuchfühlung gehen

Greifenstein (ddp-hes). Es riecht streng auf dem Dachboden des alten Fachwerkhauses und die spitzen Laute klingen schrill in den Ohren. Doch für Otto Schäfer und Rudolf Fippl ist der Raum unter dem Gebälk eine beschauliche Enklave: Hunderte Fledermäuse hängen hier in ihrem Sommerquartier, einem ehemaligen Trockenboden im mittelhessischen Greifenstein-Allendorf. Die beiden Tierschützer sind sich sicher: Kaum sonst irgendwo in Deutschland können Menschen den fliegenden Säugetieren so nahe kommen wie hier.

Dafür haben Schäfer, Fippl und ihre Mitstreiter kämpfen müssen: Noch vor einigen Jahren teilten sich die Fledermäuse mit zwei älteren Damen das Haus. „Die schämten sich, dass sie die Tiere unter dem Dach haben“, erzählt Schäfer, während er in Jeans und Hemd im Vorführraum des Hauses im Erdgeschoss sitzt. Die Ehrenamtlichen von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) mussten damals die ein- und ausfliegenden Tiere vom Hof aus beobachten und zählen.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute sind die Fledermausfreunde und ihre Schützlinge unter sich; lediglich in einem benachbarten Haus, dessen Dachboden vom „Großen Mausohr“ mitbenutzt wird, leben sie mit Menschen unter einem Dach. Im Präsentationsraum wirft ein Projektor das Bild einer Infrarot-Kamera auf die Leinwand. Dicht gedrängt hängen die pelzigen Säuger, auch die schrillen Geräusche sind zu hören: „Sozial-Laute“, erklärt Fippl. Der Ultraschall, den die Tiere zur Orientierung verwenden, ist nur mit Spezialgerät wahrnehmbar.

Hätte die HGON das Fachwerkgebäude 2004 nicht mit Hilfe von Spendengeldern und öffentlichen Zuschüssen gekauft, wäre es schlecht bestellt gewesen um die Kolonie: „Mit Fledermäusen ist so ein Haus nicht zu verkaufen“, sagt Fippl, von Beruf Diplom-Finanzwirt. Der Vorbesitzer hätte sich trotz Artenschutz wohl etwas einfallen lassen, um die Tiere zu vertreiben, fügt der 46-Jährige hinzu. Jetzt ist der Dachboden ausgewiesenes Schutzgebiet und drittgrößtes Fledermaus-Sommerquartier in Hessen.

Nach EU-Regeln geschützt sind auch die Jagdgebiete von „Myotis myotis“ in den benachbarten Wäldern – ebenso wie die Winterquartiere in den zahlreichen verlassenen frostfreien Bergwerksstollen des mittelhessischen Lahn-Dill-Kreises. Deren Eingänge haben Tierschützer mit Spezialgittern verschlossen, die nur für die Fledermäuse passierbar sind – insgesamt 150. „Uns kommt es darauf an, den Gesamtlebensraum zu schützen“, betont Fippl.

Bei einer solchen Vergitterungs-Aktion haben sich auch Schäfer und Fippl kennen gelernt. Schäfer fertigt im Berufsleben Autoelektronik; im Fledermaushaus zeigt er die elektronische Vorrichtung unterhalb des Dachbodens, mit der die ein- und ausfliegenden Tiere gezählt werden. „Die Daten stellen wir der Wissenschaft zur Verfügung“, sagt der 56-Jährige. Geforscht wurde auch schon direkt an der Kolonie: Wissenschaftler der Universität Marburg haben mit Sensoren die optimale „Wohlfühltemperatur“ der Tiere ermittelt: 27 bis 31 Grad Celsius.

Doch das Haus mit seiner Beobachtungs-Station ist nicht nur für die Wissenschaft gut. Der HGON macht hier Promotion in Sachen Artenschutz: Rund 1500 Besucher kommen jährlich, um die nächtlichen Insekten-Vertilger „live“ per Kamera zu beobachten. Schäfer und Fippl halten Vorträge und machen Besucher auch mit „Cessy“ bekannt. Die Fledermaus-Dame ist bei Fippl in Pflegschaft und lässt sich auch von Kindern bereitwillig streicheln und füttern. „Alle sind überrascht, wie hautnah sie hier Kontakt zu Fledermäusen bekommen“, sagt Fippl.  

Internet: www.fledermaushaus.de

Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung

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Texte
Reportagen / Portraits

Rudolf Fippl mit Cassy

Rudolf Fippl füttert die Fledermaus-Dame "Cassy".

 

Fledermaus-Dame "Cassy" mit Nachtmahl

Cassy mit Nachtmahl