Deutscher Depeschendienst im Juni 2005

Kakophonie der Sinneseindrücke

Im Rahmen eines Projektes in Gießen haben junge Autisten ihren Hauptschulabschluss gemacht

Gießen (ddp-hes). Mit langsamen Bewegungen deutet Heiko auf die großen Buchstaben auf dem Blatt vor ihm. Einer nach dem anderen ergeben sie einen Satz: „Ja, ich habe den Hauptschulabschluss.“ Nur auf diese Weise kann der 22-Jährige mitteilen, was für ihn nicht selbstverständlich ist. Heiko ist Autist. Dass er trotz dieser schweren Störung vor kurzem sein Schulzeugnis entgegennehmen konnte, hat er dem Gießener „Projekt für schreibende Autisten“ (PROSA) zu verdanken.

„Autismus ist nach aktuellem Forschungsstand eine hirnorganisch verursachte kognitive Störung“, sagt Ulla Güthoff. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Danja Moldenhauer betreut die 49 Jahre alte Diplom-Pädagogin das ambitionierte Projekt, getragen von der Lebenshilfe Gießen und dem Institut für Sozial- und Berufspädagogik (IBS). Für die sieben jungen Männer zwischen 18 und 25 Jahre, die täglich zu ihnen in das IBS-Gebäude am Rande eines Industriegebietes kommen, ist es eine tägliche Herausforderung, mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten.

Auf einer Couch sitzt Sascha, 18 Jahre alt, und schaut scheinbar verträumt in die Ferne. Um seinen Hals hängt ein durchsichtiger Kartenhalter, darin ein Schildchen: „Pause“. Autisten haben nicht nur Sprachprobleme und Schwierigkeiten bei der Kontaktaufnahme mit ihren Mitmenschen, wie Moldenhauer erklärt. Auch die Strukturierung ihres Tagesablaufs fällt ihnen schwer. In einer Mappe bewahrt sie für Sascha weitere Schildchen in einer chronologischen Reihenfolge auf. „Schreiben“ und „Arbeiten“ steht unter anderem auf ihnen.

„Viele Sachen, die bei uns automatisiert sind, müssen sich Autisten erst bewusst machen“, sagt die 38 Jahre alte Oecotrophologin. Vielen erscheinen die Jugendlichen wie geistig behindert, doch hinter ungelenkten Bewegungen und starrem Blick verbergen sich normale intellektuelle Fähigkeiten. Einer Theorie zu Folge bewirkt die Störung, dass die Betroffenen alle Informationen aus ihrer Umgebung gleich stark wahrnehmen. Es fällt ihnen schwer, sich auf einen Aspekt zu konzentrieren – eine unaufhörliche Kakophonie der Sinneseindrücke.

An einer Kugelbahn macht Güthoff mit Christoph eine motorische Übung. Der 20-Jährige wirkt sympathisch, er lacht viel. „Er ist etwas schlecht mit der linken Hand“, sagt die Pädagogin. Mit der soll er nun eine Holzkugel greifen und in eine Schale legen. Nebenan trainiert eine studentische Hilfskraft mit Heiko das Schreiben am Computer. Dabei stützt er Heikos Unterarm. „Er braucht den Gegendruck für die Koordination seiner Bewegungen“, sagt Moldehauer. Diese „gestützte Kommunikation“ ist für die Autisten die wichtigste Möglichkeit, um Kontakt mit anderen aufzunehmen.

Auch nach ihrem bestandenen Hauptschulabschluss kommen die jungen Männer weiter täglich in die Einrichtung. Als PROSA im November 2002 anfing, war das Projekt eine Berufseingliederungsmaßnahme der Arbeitsagentur. Nachdem klar wurde, dass die Teilnehmer nie auf dem Arbeitsmarkt zu vermitteln sein würden, stellte das Amt die Förderung ein. Nun finanziert der Landeswohlverband die Maßnahme, auch Sozialamt und die „Aktion Mensch“ schießen Geld zu – in dieser Form noch bis Oktober.

Ein Nachfolgeprojekt ist laut Güthoff bereits beantragt. Ziel sei es, für die autistischen Jugendlichen eine Struktur zu erarbeiten, „wo sie sinnvoll den Tag verbringen können“, erzählt sie. Neben ihr sitzt Heiko und zeigt auf die Buchstabentafel. „Ich habe den Hauptschulabschluss“, deutet er. „Ich habe damit keine Arbeit“, fügt er hinzu. Das „Schreiben“ strengt ihn an, die Konzentration fällt ihm schwer. Hinter seinem Lächeln ist schwer zu erkennen, wie aufgeregt er ist. Den nächsten Satz muss er abbrechen: „Ich denke, ich kann ...“

Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung

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